Wintertour Ognon 2015

Veröffentlicht: 25. März 2015

 

"Warum machen Sie das im Winter?"

Ja, das ist wirklich eine gute Frage – durchaus berechtigt, und so auf Anhieb gar nicht so leicht zu beantworten. Wir sind zu Gast bei einem netten französischen Ehepaar, das uns auf ein Glas Wein eingeladen hatte, als wir darum baten, unser Trinkwasser auffüllen zu dürfen. Und weil es draußen so kalt ist, gesellt sich zu dem Glas Wein bald ein guter Café mit Schuss ("Das wärmt gut!"), und der traditionelle französische Drei-Königs-Kuchen wird uns angeboten. Und so wurde aus der Bitte, etwas Wasser auftanken zu dürfen, ein sehr geselliger, lustiger Nachmittag. Schnell fallen alle Sprachbarrieren, auf beiden Seiten wird französisch und deutsch und mit Hand und Fuß gefragt und erzählt. Oft kommen im Winter in dieser etwas entlegenen Gegend keine Paddler vorbei – ganz im Gegensatz zum Sommer!

Und da sind wir bei einer ersten Antwort auf die erstaunte Frage unserer Gastgeberin: "Warum machen Sie das ausgerechnet im Winter?". Vielleicht, weil im Winter weniger Paddler unterwegs sind als im Sommer. Vielleicht, weil die Landschaft, das Licht, die Natur im Winter ihren eigenen Reiz haben. Vielleicht, weil das Lagerleben im Winter eine ganz spezielle Herausforderung ist, die ein Erleben in der Gruppe umso intensiver macht. Oder vielleicht, weil meistens im Winter mehr Wasser im Fluss ist, und man somit einfach besser Paddeln kann.

Vielleicht auch einfach alles zusammen – auf jeden Fall macht das Paddeln im Winter ganz besonders viel Spaß, und so kommt es, das wir nun schon seit 2 Tagen Wind und Wetter trotzen. Der erste Fahrtag, seit wir in Villersexel aufgebrochen sind, hat es mit dem Regen sehr gut gemeint, so daß wir den ersten Abend gut beschäftigt waren, alle nassen Klamotten am Zeltofen zu trocknen. Doch danach wurde das Wetter immer besser, und heute kam bei frostigen Temperaturen sogar langsam aber sicher die Sonne heraus. Bei dezent blauem Himmel verabschieden wir uns also von unseren gastfreundlichen neuen Freunden, und Lothar, der die Glücksfee im Drei-Königs-Kuchen gefunden hatte und deshalb eine Krone tragen durfte, trägt noch ganz besonders zur guten Laune an diesem Tag bei. Nach kurzer Zeit gilt es noch ein Wehr zu umtragen, und bald schon halten wir Ausschau nach einem günstigen Platz für unser Nachtlager. Dabei müssen wir heute besonders acht geben: Durch die starken Regenfälle in den letzten Tagen ist der Fluss stark angeschwollen und die Pegel steigen immer noch unaufhörlich, und wir wollen ja nachts keinen bösen Überraschungen erleben.

Wir finden eine geeignete Wiese, die etwas höher liegt und nicht zu matschig ist – Matsch hatten wir am letzten Platz genug. Schnell sind die Zelte aufgebaut, und während die einen sich um Aufbau von Ofen, Koch- und Schlafstellen kümmern, machen sich die anderen an die Arbeit, genug Feuerholz für den Abend zu suchen. Im Teamwork ist schnell eine ordentliche Portion Holz zu handlichen Scheiten gesägt und gehackt, jetzt kommt der gemütliche Teil. Thomas und Gita machen es sich in ihrem Tipi bequem, während wir vier – das sind Georg, Lothar, Anna-Marie und ich – uns in unserem Tipi um den heißen Zeltofen setzen und anfangen, das Abendessen vorzubereiten.

Wie immer beginnen wir mit einer praktischen Päcklesuppe, die heiß und dampfend gegen den größten Hunger hilft, und machen uns dann an das eigentliche Abendessen. Wer hat noch was in seinem Vorrat, auf was haben wir heute Lust, was passt zusammen? Im Winter wird es ja früh dunkel, wir haben also viel Zeit, nach Herzenslust zu braten und zu köcheln – und meistens entsteht so ein wunderbares Menü, das nicht nur eine große Gaumenfreude ist, sondern es macht auch unglaublich viel Spaß, gemeinsam am Ofen zu hantieren, es wird viel gescherzt und gelacht, zwischendurch noch der eine oder andere Hochprozentige probiert, schöner kann man sich einen Abend im Zelt kaum vorstellen. Doch auch so ein Abend geht zu Ende, irgendwann verkriechen wir uns in die Betten. Kaum geht der Ofen aus wird es auch schon deutlich kühler im Zelt, aber mit ordentlichen Schlafsäcken in Kombination mit warmen Schaffellen lässt sich auch die kälteste Nacht gut überstehen...

Je kälter die Nacht, umso schöner ist das Aufwachen am Morgen: Meistens ist Georg als erstes wach, heizt den Ofen an, und ich drehe mich nochmal im warmen Schlafsack um. Dann treibt es mich aber doch nach draußen: Durch die Zeltwand kann man die ersten Sonnnenstrahlen erahnen, und tatsächlich ist draußen das schönste Winterwetter. Ich genieße die frische Luft bei einem kurzen Morgenspaziergang – blauer Himmel, die Sonne kommt gerade über den Horizont, dicker Raureif bedeckt Gras, Bäume und Boote, und die Pfützen von gestern sind dick zugefroren. Doch bald lockt mich der Rauch, der aus den Ofenrohren steigt, zurück ins Zelt – der erste Kaffee ist fertig, und bald sind auch die letzten Schläfer wach...

Keine morgendliche Hektik kommt auf – hier gibt es keinen Stress. Jeder nimmt sich die Zeit, die er zum Aufstehen braucht, und doch sitzen wir bald wieder gemeinsam beim Frühstücken, erzählen von den letzten Tagen und planen die heutige Tour. Wie weit wir fahren wollen steht im Vornherein meistens nicht fest, es hängt zu sehr davon ab, wie schnell man beim Paddeln vorwärts kommt, wie viel Zeit man bei so manchem Wehr zum Umtragen braucht, oder wie lange man die Pausen macht. Aber das ist auch nicht weiter schlimm, nach dem Frühstück bauen wir unser Lager ab, beladen die Boote, und bald schon bestimmt der Fluss unseren Tagesrhythmus, und wir genießen die morgendliche Stille über dem Wasser, die klare Winterluft, die warme Sonne, die sich im Wasser spiegelt. Warum wir das im Winter machen? Ich glaube, nach solch einer Tour braucht man sich diese Frage nicht mehr zu stellen...!

Einen herzlichen Gruß allen Mitpaddlern und vielen Dank für diese unvergesslichen Tage!

Rüdiger

PS: Mehr Fotos und Filme von dieser Tour habe ich in ein Webalbum hochgeladen <klick>. Dort einfach ein Bild anklicken und dann oben auf "Diashow" gehen. Viel Spaß!

Eckdaten zur Tour:
Start: 02.01. Villersexel
Ende: 06.01. Maussans
3 Tagesetappen
Pegel Bonnal: 0.8 – 2.4 m, siehe Grafik.

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