Kanutour auf dem Regen 1996

Veröffentlicht: 31. Dezember 1996

Umgestürzte Bäume liegen im Wasser, versperren rechts die Durchfahrt.
Enten fliegen geräuschvoll auf, in Blickweite regen dicke Steinbrocken
aus dem sauberen Wasser. Fast glaubt man, nicht mitten in der Oberpfalz,
sondern irgendwo in ferner Wildnis zu sein. Nicht verwunderlich, daß
ein Flußabschnitt weiter flußaufwärts sogar "Klein-Kanada" genannt wird.
Die Idylle wird immer wieder durchbrochen vom fernen Autolärm,
Stromleitungen erinnern und daran, daß wir uns im dichtbesiedelten
Mitteleuropa befinden.



Eine Tour auf dem Regen, mit fast 200 Kilometern Länge der längste Fluß
der Oberpfalz und mit 107 Kilometern ausgewiesener Wanderstrecke, ist
immer ein Erlebnis. Seit Montag sind wir bei angenehmen
Sommertemperaturen, aber immer wieder kühlem Wind ab Chamerau unterwegs.
Wir, das sind Wolfgang im Einercanadier - er hat die Tour organisiert -
Eva und Helmut sowie mein Sohn Christian und ich, jeweils im
Zweierkanu. Nachdem die umstrittene Sperrung von Cham bis Pösing seit
21. Juni wieder aufgehoben ist, haben wir den Flußabschnitt von Chamerau
bis Regenstauf gewählt.



Der Fluß windet sich äußerst kurvenreich durch die herrliche Landschaft,
die Ufer dicht gesäumt von Bäumen und üppigem Springkraut, dessen
Blüten in der Sonne glänzen. Wir genießen die Ruhe, paddeln, lassen uns
wieder treiben und vergessen bald den Alltag. Nachdem wir die beiden
Wehre bei Cham unter einigem Schweiß umtragen haben, geht's weiter durch
die windungsreiche Strecke in Richtung Untertraubenbach, unserem ersten
Etappenziel. Fast glaubt man nicht, daß die Fließrichtung eigentlich
Westen ist, so kurvig hat sich das Wasser hier seinen Weg gebahnt.
Fernab von der Bundesstraße ist der Fluß hier von artenreichen Wäldern
gesäumt.



Am rechten Ufer taucht der Rastplatz beim Flußschwimmbad auf. Nur wenige
Zelte sind auf der weitläufigen Wiese mit Grillplatz und
Wetterunterstand auszumachen. Wir entladen unsere Kanus, ziehen sie aus
dem Wasser und schlagen unser Lager auf. Nach dem Abendessen wird es
schnell dunkel und Helmut zieht seine Gitarre heraus. Er und Eva spielen
in einer Country-Band - kein Wunder, daß sich unsere Lagerfeuerromantik
ziemlich lange hinzieht.....



Unsere zweite Etappe führt uns bis Walderbach. Eigentlich wollten wir
bis zum Campingplatz bei Reichenbach einige Kilometer weiter. Aber
nachdem uns Einheimische versichert haben, daß man auf dem schön
gelegenen Rastplatz am linken Ufer gleich nach dem Wehr campen darf,
bleiben wir hier. Die knapp 25 Kilometer mit vier teilweise
anstrengenden Wehrumtragen reichen uns für heute. Heute war es praktisch
windstill bei ziemlicher Hitze und die Mücken und Bremsen haben uns
ganz schön zugesetzt. Der Sägewerksbesitzer nahe des Rastplatzes stellt
sogar kostenloses Holz fürs Lagerfeuer zur Verfügung. Das Feuer mildert
ein wenig die Insektenplage und stimmt uns auf den Abend ein. Nachdem
die Mägen gefüllt sind, wird's wieder gemütlich und wir lassen den
vergangenen Tag passieren. Besonderen Eindruck hat der Schwall unter der
Pösinger Brücke hinterlassen. Er muß genau angefahren werden, trotz
Persenning hat der uns einige Liter Wasser ins Boot geschaufelt. Und
dann die Wehre! Zu spät haben wir entdeckt, daß es in Roding eine
fahrbare Floßgasse gibt. So haben wir Boote und Gepäck mühsam über die
Steine der Wehrkrone gewuchtet.



Hier zeigt sich, daß wir Fünf schon ein richtiges Team geworden sind.
Und dabei haben wir uns teilweise erste beim Start kennengelernt.



Es ist kurz vor fünf Uhr morgens: Ein regelmäßiges Klopfen auf dem
Zeltdach. Regen - Mist! Er hält sich zwar in Grenzen, aber später packen
wir die Zelte naß ein. Gegen Abend, als wir uns Marienthal nähern,
reißt der Himmel teilweise auf, die Sonne kommt wieder durch. Immer
wieder ein Erlebnis ist die Einfahrt ins sogenannte "Regenknie". Hier
biegt der Regen von seiner westlichen Flußrichtung nach Süden in
Richtung Regensburg ab, wo er in die Donau mündet. Jede Menge
Felsbrocken liegen im Wasser, gegen die tiefstehende Sonne kann man
manchen Stein unter der Wasseroberfläche erst recht spät entdecken. Die
Durchfahrt ist aber kein größeres Problem trotz der hier stärkeren
Strömung. Auch Eva und Helmut meistern die Passage ohne Schwierigkeiten
und dabei sitzen sie seit dieser Tour das erste Mal in einem Canadier.
Vor diesem Streckenabschnitt - einem der Höhepunkte jeder
Regen-Befahrung - galt es allerdings noch, das unangenehmste Wehr zu
bewältigen: Stefling. In bewährter Manier hieven wir das Gepäck über die
Wehrmauer, indem wir einen Tragekette bilden. Die Mauer ist kaum
überspült, dafür etwa zwei Meter hoch. Danach wuchten wir die Kanus
hinüber, hinunter, laden ein und treideln noch etliche Meter durch das
seichte Flußbett. Das meiste Wasser fließt durch das kleine Kraftwerk.



Unser letzter Übernachtungsplatz taucht am rechten Ufer auf: Eine Wiese,
umgeben von Wald, der sich einen Hügel hinaufzieht. Der freundliche
Bauer hat uns sogar die Wiese gemäht, das hat Wolfgang letzte Woche noch
gemanagt. Hier können wir es länger aushalten! Eine prima Anlegestelle
mit einem praktischen Felsen und ein bequemer Badeplatz. Aus Zeitgründen
gehen wir am Donnerstag die letzte Etappe an. Vorbei am malerischen
Hirschling und am grandios gelegenen Barockschloß Ramspau, landen wir am
frühen Nachmittag in Regenstauf. Zu rasch sind die vier Tage vergangen
und als wir im Auto sitzen, sind wir bald wieder im Sog unserer
schnellebigen Zeit.

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