Wintertour auf dem Ognon 1996

Veröffentlicht: 31. Dezember 1996

Endlich ist es soweit. Nach den vergangenen Feiertagen wohlgenährt, treffen sich Stefan, Georg und Ralf am Vormittag des 2. Weihnachtsfeiertages in Lure am Ognon in Frankreich zur schon traditionellen Gepäckfahrt bis Silvester - als krönender Abschluß des Paddeljahres.

Die sich zum Ende des Jahres überraschend entwickelnde ungewöhnlich frostige und lang anhaltende Kälteperiode macht natürlich auch vor den Vogesen nicht halt und nimmt sie in den Würgegriff; das Thermometer zeigt tiefe zweistellige Minusgrade. Nur das Auge ist etwas enttäuscht. Während Deutschland bei unserer Abfahrt in ein weißes Winterkleid gehüllt war, sucht man wenige km westlich der Grenze die weiße Pracht vergebens. Rasch sind die Boote beladen, noch ein Schluck Hochprozentiges genommen, und schon bald trägt die flotte Strömung die dick vermummten Gestalten auf und davon.

Der Wasserstand ist hervorragend und zahlreiche Stufen, fahrbare Wehre, enge Haarkurven und Baumhindernisse in Verbindung mit der guten Strömung gestalten die Fahrt interessant und abwechslungsreich. Am Nachmittag schlagen wir dann in einem kleinen Wäldchen unser Nachtlager auf. Das Camp-Fire-Zelt nach dem legendären Vorbild des unvergessenen Stechpaddelpapstes Bill Mason wird aufgestellt und, da wir nur über offenem Feuer kochen, muß eine ordentliche Menge trockenes Holz gesammelt, gesägt und gespalten werden. Auf dem Speiseplan stehen heute Kotelett mit Bratkartoffeln und Bohnen. Einen tiefgefrorenen Klumpen Koteletts bei -17 C aufzutauen stellt dann besondere Anforderung an Stefans Kochkünste.

In der Nacht sackt dann das Quecksilber auf satte -24 C ab und zudem streicht ein unangenehm scharfer eisiger Wind aus den Vogesen durch die kahlen Baumwipfel. Bei diesen für mitteleuropäische Verhältnisse ungewohnten und unerwartet tiefen Temperaturen gelangt Stefan’s altgedienter Schlafsack an die Grenzen seines Komforts und neidvoll schielende Blicke treffen die voluminösen Daunenberge von Georg und Ralf.

Natürlich sind unsere Wasservorräte jetzt endgültig über Nacht zu steinharten Eisklötzen gefroren. In weiser Voraussicht hat sie aber Georg in handliche 5 l Kanister abgefüllt, so daß wir sie im mit Flußwasser gefüllten Hordentopf über dem Feuer wieder verflüssigen können. Eine nun jeden Morgen und Abend wiederkehrende Routineprozedur. Würde Schnee liegen, hätten wir es in diesem Punkt leichter, aber zum Schneien ist es viel zu kalt. Auch die Eier für die obligatorisch-traditionellen Rühreier mit Speck am Morgen sind durch und durch gefroren.Es ist schon fast Mittag als wir unsere mit Sack und Pack beladenen Canadier wieder ins Wasser gleiten lassen. Aber das Leben in und mit der Natur ist uns wichtiger als das Herunterreißen möglichst vieler Flußkilometer. Wiederum ist es ein prächtiger Tag. Jeder Zweig, Ast oder Grashalm der ins Wasser ragt, schmückt sich mit einer schweren Eisglocke, die jetzt im Sonnenlicht glitzern und funkeln. Die Umtragestelle an einem Wehr lädt zu einer Rast ein.

Ruckzuck ist Georg’s selbstgebasteltes geniales Outdooröfelchen ausgepackt, mit trockenem Holz gespeist und schon kurze Zeit später weht ein verlockender Glühweinduft unseren Nasen entgegen. Gierig wird dabei Herta’s köstlicher Weihnachtskuchen weggeschmatzt.Trotz des nun gleißenden Sonnenlichtes verlassen den Gradmesser beim Emporklettern der Skala bei -7 C die Kräfte.Der mäandernde Ognon läßt anschließend mit seinen unzähligen engen Kurven und der munteren Strömung keine Langeweile aufkommen.

Einen schönen Übernachtungsplatz finden wir in der Nähe von Villersexel. Während Georg und Stefan das Zelt aufbauen, macht sich Ralf auf die Strümpfe und fußelt zum etwas entfernt liegenden Super-/Inter-/Hypermarchee, damit wir die bedrohlich dezimierten Glühweinvorräte mit Vin de Pays strecken können (praktischerweise gleich im 5 l Kanister). Bei der knackigen Kälte würde auch dem urigsten Bayern das Biertrinken vergehen. Beim Abendessen bleibt eine ordentliche Portion Spaghetti im Hordentopf zurück, für die Schinkennudeln zum Frühstück - ein fataler Fehler. Nein, nein, kein Fuchs hat uns in der Nacht heimgesucht und die Vorräte stiebizt, aber am Morgen sind die Spaghetti zu einem einzigen Eisklumpen gefroren und das Auftauen in der Bratpfanne entpuppt sich als schwieriger als gedacht. Aber Georg hat die rettende Idee, greift zum Beil und zerhäckselt den widerborstigen Bollen in der Pfanne.

Leider läßt die Strömung nun deutlich nach, aber dafür entschädigt eine ganze Reihe von Naturstufen, verfallener und fahrbarer Wehre mit herrlichem Fahrspaß. Wir sind zwar überrascht, aber natürlich happy, daß der Ognon noch überhaupt nicht daran denkt zuzufrieren. Nur stehende Seitenarme sind bisher mit einer eisigen Haut überzogen. Dafür wächst mit jedem Einsteigen und durch Spritzwasser bei den Schwallstrecken die Eiskruste im Boot langsam aber sicher zu einem ausgewachsenen Eispanzer heran. Mit den Paddeln rücken wir am Abend demselbigen zu Leib.

Auf einer einsamen Kiesbank verbringen wir dann die dritte Nacht. Wieder mal müssen wir (schmerzlich) erfahren, daß vermeintlich trockenes Holz soo trocken doch nicht ist. Jedenfalls sorgt beißender Rauch für Tränen in den Augen und die Sicht vor dem Zelt beträgt höchstens noch nen Meter. Zudem treibt auch noch unser treuer Weggenosse, der kalte Vogesenwind, seinen Schabernack mit uns, indem er alle paar Minuten die Richtung wechselt. Und heute lodert das Feuer gleich aus 2 Schloten, denn schließlich erfordert ein kultiviertes Dinner aus zwangsläufig tiefgefrorenen Rouladen und Rotkraut aus der Dose sowie Kartoffelbrei (Portion für 8 Personen) einen besonderen Aufwand in der Vorbereitung. Übrigens wurde alles ratzeputz wegschnabuliert. Beim Abspülen kann man sich dafür das Abtrocknen sparen. Ehe man sich nämlich versieht, ist die Restfeuchte auch schon angefroren. Natürlich muß man vorher das Spülmittel im heißen Wasserbad erstmal wieder zum Leben erwecken; wie auch Zahnpasta ist es in einen festen Aggregatzustand übergegangen.Mit der jetzt zu Stein und Bein gefrorenen Zahnpasta beschränkt sich die Körperpflege endgültig auf das morgendliche Gurgeln der Zähne mit 40 %-igem Obstler.Bei der Weiterfahrt erwartet uns dann an einer Naturstufe beim Wehr in Bonnal ein zwar kurzes, aber fahrtechnisch interessantes und spritziges Stück Wildwasser. Die Uferränder sind mit dickem Eis verkrustet und werden von bizarren Eiszapfen gesäumt, die jetzt alle in der Morgensonne glitzern und funkeln. Nach dem Wehr La Forge scheint in einer düsteren Waldschlucht die Fahrt zunächst zu Ende zu sein. Eine Eisdecke spannt sich nun über den Ognon und versperrt uns die Weiterfahrt.

Das Eis ist schon mehrere cm dick, aber mit unseren kleinen Schiffchen schaffen wir es gerade noch es unter unserem satten Gewicht klirrend und knackend zu brechen. Nach 200 m ist die schweißtreibende Arbeit glücklicherweise beendet, das Gelände öffnet sich wieder und kein Eis behindert mehr unseren Vorwärtsdrang. Die heutige Suche nach einem geeigneten Übernachtungsplatz gestaltet sich etwas schwieriger. Aber als Entschädigung dafür fabriziert uns dann Georg am späten Abend als Nachtisch seine allseits geschätzten köstlichen Pfannkuchen.In der Nacht hat es dann geschneit und die Landschaft mit einem herrlichen Teppich von feinem trockenen Pulverschnee überzogen - jetzt stimmt auch die Optik für eine Wintertour. Mit nur minus 14 C waren die nächtlichen Temperaturen auch schon direkt milde zu nennen. Ruhig gleiten die Boote durch die unberührte Winterlandschaft.

Zum Abschluß unserer Miniexpedition wird nochmal ein fürstliches Menü serviert, der 5 l Kanister Vin de Pays ausgewunden, wobei ein nicht unerheblicher Teil eingefrorener Rotwein dem Trinkgenuß entgeht und die letzten Tropfen hochprozentiger Seelentröster gluckern die Kehlen hinunter.Die Nacht ist wieder klirrend kalt. Ein letztes Mal bei dieser Tour müssen wir am morgen Stefans starre Gliedmaßen zurechtbiegen.Heute ist der 31.12.; Silvester. Wir müssen an die Heimreise denken. Unsere Entzugserscheinungen (von Natur und Stechpaddel !) werden aber nur von kurzer Dauer sein; am kommenden Wochenende hat Sibylle zu einer Fahrt durch die idyllischen Altrheinarme eingeladen.

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