Grundkurs ´05: Erfahrungen eines Einsteigers

Veröffentlicht: 31. Dezember 2005

Erfahrungen eines Einsteigers
Grundkurs auf der Enz – oder: Ziehen, Ziehen, Ziehen...

(Mai 2005)

Ein Jahr ist mein Canadier nun alt. Die Grundtechnik habe ich mir zunächst selbst beigebracht und dabei festgestellt, Paddeln ist keine Hexerei – zumindest nicht auf meinem Hausbach, dem Main bei Aschaffenburg.

Gekentert bin ich im letzten Sommer nur ein einziges Mal, als ich die Kippneigung des Bootes ausgetestet habe. Freiwillig also. In einer geschützten Buch, in der mir das Wasser nur bis zum Bauchnabel reichte. Jetzt kenne ich zumindest den „Point of no Return“, den ich bei meiner ersten Wintertour tunlichst nicht aus freien Stücken überschreiten werde.

Weiteres Grundlagenwissen erarbeitete ich mir aus Büchern und aus einschlägigen Seiten des Internets. Die Praxis sollte mir ein VHS-Kurs vermitteln. Naja, der verlief dann etwas enttäuschend: 80 Prozent Binnenschifffahrtsverordnung und Materialkunde. Der Höhepunkt dann zum Abschluss: 20 Minuten im Gummi-Canadier auf dem Main.

Theoretisch bin ich also durch. Allein die Praxis fehlte noch. Ein Solokurs stand mir deshalb im Sinn, in dem ich meine Technik verfeinern lerne und der mich in die Lage versetzen sollte, alleine auf Tour zu gehen. Zwar habe ich meine Ehefrau soweit, dass sie mitpaddelt, die gemeinsamen Ausflüge beschränken sich jedoch auf Tage mit hochsommerlichem Wetter. Weiter konnte sie sich bis jetzt nicht mit dem Boot anfreunden.

Der erste Schritt: Jahrestreffen des GOC in Wertheim. Die Gelegenheit mich zu informieren. Also am Samstag hin, zu Georg durchgefragt und nach dem nächsten Solokurs erkundigt. Dann die Überraschung: Wie? Erst einen Grundkurs machen. Grundschläge üben? Zu zweit? Bei Stuttgart? Übernachtung im Zelt? Da war mir klar, dass ich daheim einige Überzeugungsarbeit werde leisten müssen.

Es hat geklappt, also Anmeldung für das Wochenende 21. und 22.05.2005 zum 2er-Grundkurs. Ein Stoßgebet zu Petrus geschickt, dass das Wetter passt, damit meine „zwangsverpflichtete“ bessere Hälfte nicht nass werden würde und es schien zu klappen: Wir reisten bereits am 20., also am Freitag, Richtung Stuttgart und die Sonne zeigte sich von ihrer strahlendsten Seite. Wetterbericht auf SWR 3 „...am Samstag von Westen her aufziehender Regen und Gewitterschauer...Am Sonntag kühl und na..“ – Senderwechsel. Warten wir’s ab.

Dann die Ankunft in Enzweihingen, tolle Anfahrtsbeschreibung, den Sportplatz sofort gefunden, aber wo ist der Campingplatz? Also beim Griechen, der Gyros und andere Landesspezialitäten in seinem Wirtshaus, gleich hinter der Eckfahne der Heimmannschaft vertreibt, nachgefragt. Zelten? Hier? Nein, nicht möglich! ...Ah, Georg, ja dann, ...fahrt um den Platz, am Spielfeldrand könnt ihr aufbauen. Unser Kursleiter scheint hier also nicht unbekannt zu sein. Das stimmt zuversichtlich.

Jetzt war Organisationstalent und Entscheidungsmut gefordert: Erst einmal Boden im Dickicht bereiten, Zelt aufbauen, Auto ausräumen, Lage peilen, Fuss in die Enz, die direkt am Zelteingang vorbeifließt – saukalt – gut dass wir Gummistiefeln dabei haben. Eine Stunde passiert nichts, außer, dass sich die Sonne dem Boden entgegen neigt. Bleiben wir heute nacht alleine? Angekündigt waren drei weitere Bootsbesatzungen und unser Kursleiter. Die haben bestimmt den Wetterbericht auf SWR3 gehört und kneifen! Dann kommt endlich ein zum Wohnmobil umgebauter VW-Bus. Dem entsteigt – Georg. Da fühlt man sich gleich nicht mehr so verlassen. Aber: unser Zelt steht natürlich am falschen Fleck. Gut dass sich unser Kuppelzelt tragen lässt. Inzwischen nahen die Kursteilnehmer 2, Jens und ? aus Berlin und es entwickelt sich ein geschäftiges Lagertreiben. Danach der zweite Besuch im griechischen Lokal, dieses Mal um uns den Bauch vollzuschlagen. Satt und zufrieden zurück zum Lager. Da passiert's: Regentropfen. Gehen wir erst einmal schlafen.

Am Morgen des ersten Kurstags sieht die Welt gleich anders aus – grau und feucht! Mist! Erst einmal raus und Frühstücken. Ein Segen, dass Georg über ein geräumiges Tipi verfügt. Ein noch viel größerer Segen, dass er darin einen Holzofen betreibt, auf dem eine gefüllte Kaffeekanne steht. O. K. – harren wir der Dinge die da kommen. Kurz nach 9.00 Uhr sind dies zunächst die noch fehlenden Kursteilnehmer, Bernd und Martina, aus ? und Volker mit Daniela aus Waiblingen (?), samt Hund. Begrüßung und theoretischer Einstieg in die Materie. Bootstypen, Materialien, Kielsprung, Paddelarten und –längen. Das kenne ich von der VHS. Die Szene im Tipi wird allerdings durch das lustige Plätschern des Regens hintermalt, das fehlte im VHS-Haus.

Dann das Wunder: Pünktlich zum Ende des theoretische Teils, gegen 10.00 Uhr nur noch leichtes Nieseln und dann gar kein Regen mehr. Perfekt. Georg verteilt Knieschoner, Schwimmhilfen und Paddel. Danach wird eines von Georgs Booten an die Enz geschleppt und der Kursleiter startet mit „Trockenübungen“ – alle Teilnehmer vollführen Paddelgrundschläge, gekonnt, ohne Kentergefahr, da in der Luft und nicht im Wasser. Das hat geklappt. Dann ins Boot. Nein, ich will nicht der erste sein (erst mal beobachten). Jeder kommt dran. Erste Lockerungsübungen im Boot. „Bleib locker in der Hüfte“, „Du bist viel zu verspannt“, „Frauen haben da Vorteile, sind viel gelenkiger“...Blick zu meiner Frau, Mist, sie hat’s gehört. Wirft sie mir doch seit Jahren vor, dass ich nicht Tanze. Vorteil für sie, hier macht sich ihr Bauchtanztraining bezahlt. Mit viel Geduld bringt uns Georg nun die Grundlagen des Paddelns bei. Wir erfahren z. B. auch, dass der sogenannte „Deppenschlag“ durchaus seine Berechtigung hat. Bis zur Mittagspause durfte jeder aus der Gruppe Grundschläge vor und zurück üben. Sieht ganz einfach aus, unter Georgs kritischem Blick ist es dennoch nicht einfach zu bestehen. Nur perfekte Bewegungsabläufe finden vor seinem Auge Gnade. Nachmittags dann Zieh- und Hebelschläge. Außerdem die hohe Paddelstütze. Zum Tagesabschluss lässt jeder sein Boot ins Wasser und wir erfahren, wie derjenige, der es beherrscht, ins Kehrwasser einschwingt („Eigentlich Stoff des Aufbaukurses“). Danach gemeinsames Üben. Klappt eigentlich ganz gut. Am späten Nachmittag ist dann Feierabend. Es folgt Lagerleben, Besuch beim Griechen um die Ecke danach Small Talk im Tipi von Georg. Kurz vor Mitternacht – Regen.

Das schlechte Wetter zieht sich durch die Nacht. Anhaltender Regen begleitet die (Kanu)Träume mit stetiger Hintergrundmusik auf dem Zeltdach. Trotzdem schlafe ich tief und fest und wache erst auf als der Morgenhimmel hell durch die Plane schimmert. Ich bin der erste und sorge deshalb erst einmal für ein warmes Gemeinschafts-Tipi. Bald zischt die erste Kanne Kaffee auf dem Kanonenofen und Georg gesellt sich mit Rührschüssel, Eier und Mehl dazu. Aus dem blasigen Teig bereitet er anschließend leckere Pfannkuchen für die gesamte Mannschaft – das lass ich mir gefallen. Nach und nach schälen sich die anderen der Truppe aus ihren Schlafsäcken und es wird gesellig im Frühstückszelt. Das Wetter hat sich ebenfalls beruhigt. Alles passt. Dann wird es wieder ernst. Wir tragen unsere Boote und Ausrüstungsgegenstände zur Einsetzstelle und bekommen nun Gelegenheit das Erlernte vom Vortag zu üben.

Zunächst zwingt uns Georg gegen die starke Strömung die Enz aufwärts zu Paddeln. Das ist mühsam, klappt aber doch ganz gut. Als nächstes gilt es den Fluss per Seilfähre, anschließend S-förmig zu überqueren. Gar nicht so einfach. In diesem Stil geht’s den Vormittag über weiter und wir lernen allerlei Kniffs und Tricks, unseren Booten auf Kurs zu halten. Hier und da ergeben sich bei einzelnen Bootsbesatzung atmosphärische Störungen, wenn vermeintlich wiederholt falsche Schläge der Vorderfrau zum Misslingen galant geplanter Manöver führen. Steigt Georg jedoch anstelle des Steuermanns ins Heck erledigt die Undankbare ihren Job plötzlich perfekt – sehr zum Ärger des bloßgestellten und zum Zuschauen verdonnerten Bootsherrn. Eine Erkenntnis des Wochenendes: Ein Ausflug im Zweier-Kanadier eignet sich nur für gefestigte Beziehungen, da Disharmonien schnell die Laune verderben und Kenterrollen zum Belastungstest führen. Für unser Wochenende bleibt allerdings festzuhalten: Gekentert ist niemand und alle Paare fuhren in gemeinsamen Autos nach Hause. Spaß hatten wir außerdem massig.

Am Nachmittag – nachdem jeder seine letzen Vorräte geleert und Martina ihre Ingwergummibärchen (igitt) an den Mann und die Frau gebracht hatte – stand ein Ausflug auf der Enz auf dem Programm. Auch hier versäumt es Georg nicht alle geeigneten Stelle für Übungen zu nutzen. Nach geschätzten 5 km, die wir unter weniger trainingintensiven Bedingung im Drittel der Zeit durchpaddelt hätten, erreichten wir unser Ziel am ?? Wehr. Dort verluden wir die Boote auf die am Mittag bereits geparkten Autos und machten uns auf den Heimweg.

Fazit: Ein abwechslungs- und lehrreiches Wochenende mit einem perfekten Lehrmeister und netten Leuten. Ich habe es nicht bereut nach Stuttgart gefahren zu sein und habe viele neue Erkenntnisse mit nach Hause genommen. Noch besser: Einem Solokurs steht nun nichts mehr im Wege. Angemeldet bin ich bereits. Stattfinden soll er im Oktober. Wo? Natürlich an der Enz.

Andreas Schäfer

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