Harmonie im 2-er-Canadier ´07

Veröffentlicht: 22. Mai 2007

Nachdem wir (mein Freund Martin und ich, beide 30) uns im letzten Herbst einen Canadier gekauft hatten und eine erste Tour auf dem Neckar oberhalb von Rottenburg unternommen hatten, war klar, dass es für ein sicheres und möglichst harmonisches Befahren von Flüssen unbedingt noch eines Kurses bedarf. Da wir das Buch von Ralf Schönfeld gelesen hatten (das wir im Faltbootladen gekauft haben, wo wir uns eigentlich nach einem Faltboot umgeschaut haben, aber dann irgendwie doch bei einem festen Canadier gelandet sind), war auch schnell klar, dass wir den Kurs bei Georg Petz machen wollten. Denn dass es in unserem Canadier (teilweise) an Harmonie mangelte, war kein Wunder bei Kommentaren aus dem hinteren Bootsteil wie “Was machsch denn du da!?”. Wenn ich was falsch mache, wäre es für mich hilfreich, wenn mir jemand sagt, was ich stattdessen machen soll. Aber wenn der Hintermann auch nicht weiß, was zu tun ist, da kann er einem natürlich auch keine präziseren Anweisungen geben und eben nur lautstark seinen Unmut über das Fehlverhalten zum Ausdruck bringen.

Der Kurs fand auf der Enz bei Vaihingen/Enz im schönen Baden-Württemberg statt und begann am Samstag morgen um 9 Uhr. Die Kursteilnehmer, die übernachtet haben, waren schon am Vorabend angereist. Am ersten Tag war es recht kalt und etwas nieselig, so dass alle Teilnehmer froh waren, dass der Kurs mit einer theoretischen Einführung im beheizten Zelt mit Ofen “Made by Georg” begann. Besprochen wurden die verschiedenen Bootstypen und Materialien und die daraus resultierenden Fahreigenschaften und die notwendige Ausrüstung.

Etwas Sorge bereitete uns, dass in den Vorab-Infos zum Kurs stand, dass Kniepolster benötigt werden. Gut, uns war schon bewusst, dass man Canadier eigentlich im Knien fährt, wenn man es richtig machen will – aber irgendwie waren wir der Meinung, dass wir nicht im Knien fahren können (wir sind nun mal nicht so beweglich...). Georg hatte dann für die Kursteilnehmer, die keine Kniepolster hatten, welche dabei. Einen Designpreis werden sie wahrscheinlich nicht gewinnen, aber sie sind entsprechend der Knieform anatomisch geformt und eigentlich recht bequem. Trotzdem blieben bei uns recht große Zweifel, ob das mit dem Knien so hinhaut. Zur Not, so dachten wir, könnten wir ja bestimmt auch im Sitzen fahren. So einen großen Unterschied kann das ja nicht machen, gell?....

Unsere erste praktische Übung war eine Art Trockenübung in einem Canadier auf einem Holzgestell mit Rollen (war noch wackliger als im Wasser). Hier konnten wir wunderbar und ohne reale Kentergefahr das Ein- und Aussteigen mittels Paddelbrücke sowie das Hinknien und das Ausbalancieren mit der Hüfte üben – während Georg durch Anschubsen des Bootes einen heftigen Wellengang simulierte.

Da unsere nächste Übungsstelle ein paar Kilometer flussabwärts lag, wurden die Boote im Anschluss auf die Autos geladen. Besonders fasziniert hat uns, dass Georg die Canadier auf seinem VW-Bus nicht mittels den üblichen Spanngurten befestigt, sondern für die Befestigung der Boote nur Seile verwendet, die er gekonnt verknotet.

Bild 1 : Gemeinsames Beladen von Georgs VW-Bus

Zunächst übten wir dann auf einem nahezu strömungsfreien Abschnitt der Enz einzeln in Georgs Canadier die verschiedenen Paddelschläge, die wir für die Befahrung eines Flusses benötigen: Grundschlag vorwärts und rückwärts, Steuerschlag (nur für den Hintermann – auch als Deppenschlag bezeichnet) und Ziehschlag – sowie Hebel und Stütze.

Nach dem Mittagessen übten wir die gelernten Paddelschläge im eigenen Canadier. Dabei zeigte sich schnell, was wir schon befürchtet hatten. Das Knien war der absolute Graus!! Die Füße waren total unter dem Sitz eingekeilt und bereits nach 5 Minuten tat einem alles weh und die Füße waren eingeschlafen. Das kann morgen ja heiter werden, wenn wir den ganzen Tag auf der Enz fahren, dachte ich mir.

Georg gab uns daher den Tip, dass wir die werkseitig recht niedrig montierten Sitze höherlegen sollten, damit wir besser knien können. Das haben wir dann abends auch gleich gemacht.

Enttäuschend für meinen Freund Martin war, dass er seinen hart erlernten J-Schlag nicht machen durfte und stattdessen den Deppenschlag einsetzen sollte. Doch wie wir gelernt haben, trägt der Deppenschlag völlig zu Unrecht diesen Namen – kann man aus dem Deppenschlag heraus doch schnell und effizient viele wichtige Paddelschläge ausführen oder einen Hebel oder eine Paddelstütze machen. Dahingegen hat man beim J-Schlag das Handgelenk so verdreht, dass man in einer brenzligen Situation möglicherweise wertvolle Zeit verliert, bis man einen wirkungsvollen Schlag machen kann.

Abends waren wir gemeinsam in einer Sportgaststätte essen und haben der ersten Kurstag gemütlich ausklingen lassen.

Am nächsten Morgen ging es nach dem gemeinsamen Frühstück im Zelt wieder auf den Fluss. Das Wetter war im Gegensatz zum Samstag sonnig und freundlich und auch um einige Grad wärmer – herrlich!

Am zweiten Kurstag wurden die Paddelschläge vom ersten Tag in der Strömung auf ihre Praxistauglichkeit getestet. Wir lernten was Kehrwasser sind und wie man in diese hineinfährt und auch wieder herauskommt, ohne dass einen die Strömung umwirft. Außerdem haben wir gelernt, was eine Seilfähre ist und dass man die Seilfähre vorwärts und rückwärts fahren kann. Ein weiteres wichtiges Thema war die Harmonie im 2-er-Canadier. Unsere Harmonie bestand im gemeinsamen Falschmachen (ich übertreibe...). Da Georg zudem der Meinung war, dass es wichtig ist zu lernen, auch mit anderen Paddelpartnern im Boot zu harmonieren, da man ja vielleicht nicht immer in der “Stammbesetzung” unterwegs ist, hat er uns getrennt und in verschiedene Boote gesetzt.

Zum Mittagessen ging es samt Booten wieder zurück ins Basislager.

Bild 2 : Gemeinsam trägt sich’s leichter (und wenn es nur ein Luftboot ist)

Gestärkt vom Mittagessen konnte es nach der Pause wieder auf den Fluss gehen.

Beim Canadierfahren ist es am Anfang wie beim Autofahren. Beim Autofahren hat man als Fahranfänger vor lauter Kuppeln und Schalten auch keine Augen für den Verkehr. So hatte ich vor lauter Paddeln und Überlegen auch keine Augen für den Fluss und für die Strömung. Aber ich denke, das legt sich, wenn die Paddelschläge erst mal besser sitzen. Die Hoffnung stirbt zuletzt...

Dadurch dass Georg jetzt hinten bei mir im Canadier saß, konnte er meine Fehler in der Haltung oder in der Ausführung der Paddelschläge direkt korrigieren, in dem er mir zugerufen hat, was ich machen soll – erst immer in normaler Lautstärke und dann bei Bedarf auch etwas lauter (der strömende Fluss ist ja schließlich auch laut). Das hat mir sehr viel gebracht – vor allem konnte ich mich mit der Sicherheit im Rücken, dass Georg mit im Boot sitzt und wir demnach nicht kentern – auch besser auf die Paddelschläge konzentrieren und mich auch etwas weiter rauslehnen als ich es vielleicht sonst getan hätte. Ich hätte nie geglaubt, dass man sich mit dem Paddel im Wasser (z.B. bei der hohen Paddelstütze) doch tatsächlich festhalten kann und dass das Boot um das Paddel herum ins Kehrwasser einschwenkt als hätte man einen Pflock in den Boden gerammt! Ich gebe zu, ich bin fasziniert.

Doch das war nicht die einzige Erkenntnis, die ich an dem Wochenende gewonnen habe (man sieht, ich bin lernfähig...).

Nachdem ich bisher immer der Meinung war, dass der Hintermann für’s Steuern zuständig ist und der Vordermann lediglich für den notwendigen Vorwärtslauf sorgt, habe ich in dem Kurs gelernt, dass die Position des Vordermanns durchaus bedeutend ist. Vor allem da der Vordermann durch Ziehschläge oder Hebel die Richtung des Boots viel schneller und effektiver ändern kann als der Hintermann. Der Vordermann sieht in der Regel auch Hindernisse zuerst und entscheidet dann auf welcher Seite das Hindernis umfahren wird. Gleichzeitig kann durch Rückwärtspaddeln in der Strömung (das allerdings etwas schweißtreibend ist) Zeit gewonnen werden um zu Überlegen, was als nächstes getan wird. Das sitzt (äh, kniet) man doch gleich ganz anders auf seinem vorderen Plätzchen....

Ja, und die dritte wichtige Erkenntnis betrifft das Knien im Canadier. Durch die höhergelegten Sitze war es am zweiten Tag nur noch halb so schlimm mit dem Knien. Wenn man die Beinposition ab und zu etwas verändern kann (weil man unterm Sitz Platz hat), geht es ganz gut. Während des Kurses ist mir klargeworden, dass man in bewegtem Wasser gar nicht anders fahren kann als im Knien. Im Sitzen lassen sich z.B. Paddelschläge wie der Ziehschlag gar nicht effektiv ausführen, man kann sich ja gar nicht so weit rauslehnen, weil der Schwerpunkt viel zu hoch ist... Nichtsdestotrotz kann man natürlich ruhige Flussabschnitte dazu nutzen, sich kurz auf den Sitz zu setzen und die Beine auszustrecken...

Oder sich nach getaner Arbeit noch etwas in die Sonne setzen...

Bild 3 : Beim gemütlichen Vespern in der Sonne

In dem 2-tägigen Kurs haben wir gelernt, wie man mit wenigen aber effektiven Schlägen sicher einen (ruhigen) Fluss befahren kann. Dafür möchten wir uns recht herzlich bei unserem Kursleiter Georg bedanken. Die Teilnahme an dem Kurs können wir jedem, der das Canadierfahren fundiert lernen möchte, nur empfehlen.


Tanja Walddörfer

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