Hochwasser im Spreewald ´10

Veröffentlicht: 06. Oktober 2010

Hochwasser im Spreewald

70 km südöstlich Berlins beginnt bzw. endet bei Groß Wasserburg der Unterspreewald. Am Freitagabend trafen Peter Bloch und ich nach nur einer Stunde Fahrt auf dem komfortablen Biwakplatz der Gemeinde ein. Kurz darauf kamen auch unsere Paddelfreunde Kerstin und Thorsten aus Berlin an. Schnell waren die Zelte aufgebaut. Der Plan "Feuer machen, grillen & Glühwein trinken" wurde verworfen. Wir entschieden uns einstimmig für "In der Gaststätte sitzen, Grützwurst oder Sülze mit Bratkartoffeln essen und Bier trinken". Der Wirt erzählte uns von einem Bootsunfall am Vortag: Ein mit vier Leuten besetztes Ruderboot wollte die wegen des hohen Wasserstandes geöffnete Leipscher Schleuse durchfahren. Leider erwischten sie das dazugehörige Wehr und blieben an dem überspülten Absperrkabel hängen, das die Durchfahrt wirkungsvoll verhinderte. Die Leute sind nur nass geworden, aber das Boot musste von der Feuerwehr geborgen werden. Wir versicherten, das wir so einen Quatsch natürlich nicht machen werden, denn: "Wir sind im Auftrag des GOC unterwegs (und wir fahren vorwärts)". Wir beeilten uns mit dem Essen, denn noch fehlten Martin mit seinem Sohn Leonhard aus Erfurt und Friedrich aus Höxter. Zurück auf dem Biwakplatz widmeten wir uns der Glühweinzubereitung. Martin und Leonhard kamen an, bauten ihr Tipi auf und als letzter erschien Friedrich, parkte sein "Wohnmobil" und stellte eine Flasche Rum auf den Tisch. Die angeregte Unterhaltung soll bis halb vier Uhr morgens gedauert haben.

Der 1. Tag: 28,7 km von Lübbenau nach Groß Wasserburg

Am nächsten morgen war klar: Wir können wegen der starken Strömung keine Rundtour machen. Weil die Talsperre in Spremberg geöffnet wurde, war der Pegel in Cottbus innerhalb eines Tages von 1 m auf 2,50 m gestiegen. Also setzten wir in Lübbenau, 27 km oberhalb von Groß Wasserburg ein und hofften, das die Strömung wirklich stark genug für so einen "Halbmarathon" ist. Es ist nicht leicht, in Lübbenau einen kostenlosen Parkplatz mit Zugang zum Wasser zu finden. Wir wissen, wo er ist. Von Lübbenau nach Lübben sind es auf der Hauptspree ungefähr 8 km. Thorsten ermittelte mit dem GPS eine Strömungsgeschwindigkeit von 5 km/h. Mit Paddelunterstützung schafften wir kurzfristig 11 km/h. Aber wir hatten es nicht so eilig. In Lübben machten wir eine längere Pause. Dort war gerade Markt. Es gab also jede Menge zu essen: Currywurst, Erbsensuppe, Eis, geräucherte Forelle, Hefekuchen, keine Spreewaldgurken. Ich habe zur Sicherheit noch Glühweingewürz gekauft. Nach der Mittagspause hatte ich den Eindruck, daß das Wasser noch weiter steigt. Der Höchststand in Cottbus war zwar schon am Vortag, aber zwischen dem Pegel Cottbus und dem Unterspreewald liegt der Oberspreewald mit den vielen kleinen Fließen. Möglicherweise erreichte das maximale Hochwasser erst jetzt den Unterspreewald. Wir passierten eine überschwemmte Laubenkolonie. Die Schleuse Hartmannsdorf war nicht rechtzeitig geöffnet worden. Das obere Schleusentor wurde zum Wehr. An dieser Stelle war für die Spreewaldkähne die Fahrt zu Ende. Wir haben dieses Wehr umtragen. Wir paddelten weiter in Richtung Unterspreewald. Wir hörten Schüsse, offensichtlich wurde hier gejagt. Die Schüsse kamen näher. Friedrich benutzte seine Trillerpfeife... Die Schießerei war irgendwann beendet. Auf der nächsten Brücke begrüßte uns die Jagdgesellschaft mit einem Hornsignal: "Sau tot" oder "Hallali, liebe Paddler", keine Ahnung. Die Durchfahrtshöhe unter den Brücken wurde immer geringer. Wir entschieden daher, nicht durch Schlepzig zu fahren, weil dort eine ganz besonders niedrige Brücke ist. Wir bogen vorher auf den Puhlstrom ab. Auf einer Weide bemerkte ich eine nachdenkende Kuh: "Diese Kanus sind mir unheimlich. Ich will hier weg. Aber wenn ich hier abhaue, kriege ich nasse Füße. Ich bleib lieber, wo ich bin..." Das Wasser lief inzwischen auch in den Wald, der hier niedriger liegt, als die Spree. Wir mussten eine kurze Strecke gegen den Strom paddeln. Zu zweit ging es ja noch, aber das Soloboot und das mit 1,5 Leuten besetzt Tandem hatten echt Arbeit. Schließlich erreichten wir den Unterspreewald. Hier paddelt man auf schmalen Kanälen ( sog. Fließe) mitten durch den Wald. Diesmal wurden wir hindurch gespült. Kurz vor Ende der Tour mussten wir noch einen ins Wasser gefallenen Baum umtragen, der am Vortag noch nicht da war. Noch vor Einbruch der Dunkelheit waren wir wieder auf dem Biwakplatz. Wir holten die Autos aus Lübbenau und begaben uns sofort in die Gaststätte, aßen zu abend, und setzten unsere Unterhaltung bei Glühwein auf dem Platz fort. Als ich nachts raus musste, sah ich am Himmel das Sternbild des "Orion". Es wird bald Winter...

Der 2. Tag :17,7 km von Burg nach Lübbenau

Die kleine Rundtour über den Dahmeumflutkanal war - wie erwartet - nicht möglich. Meistens strömt hier die Strömung "ein bisschen" oder "fast gar nicht", aber nicht heute. Weil gestern alles so schön schnell war, wurden wir mutig. Wir wollten das ganze Programm: Der Oberspreewald an einem Tag, von Burg nach Lübbenau. In Burg erwischten wir die zwei letzten kostenlosen Parkplätze am Haupthafen und setzten ein. Im Gegensatz zu Lübbenau wird hier das Einsetzen von "privaten" Booten toleriert. Zunächst kamen wir wieder zügig auf der Hauptspree voran, vorbei am ersten Verkaufsstand mit Spreewaldgurken und Honig. Weil die Fließe gestern etwas rar waren, paddelten wir heute absichtlich auf den kleineren Kanälen. Hier war die Strömung deutlich langsamer als auf der Hauptspree. Vorteil: Man kann sich die Details besser ansehen und sich während der Fahrt ausgiebig unterhalten. Nachteil: Es dauert länger. Eigentlich wollten wir in Lehde eine Currywurst essen. Aber schon in Leipe brauchten wir eine Pause und picknickten illegal auf der Kanuwiese eines Restaurants das sowieso knacke voll war. Schild: "Picknick verboten!" (sinngemäß). Von weitem hörten wir (schon wieder) Blasmusik. Es handelte sich diesmal um ein mobiles Blasorchester, das auf einem Spreewaldkahn durch die Gegend fuhr, gefolgt von einem Kahn mit Kindern in Spreewaldtracht. Das Ganze stellte sich als der Beginn eines Kahnkorsos, ähnlich einem Rosenmontagsumzug, heraus. Sie haben aber keine Kamellen geworfen (auch keine Gurken). Ein Kahn sollte die "Milchwirtschaft" symbolisieren. Zur Verdeutlichung hatten sie in Ermangelung einer Milchkuh ein lebendiges Kalb auf dem Kahn. Die Fachwelt bemerkte sofort, das es sich um ein Bullenkalb handelte und gab entsprechende Kommentare ab. Gerne hätten wir uns das Spektakel länger angesehen, aber die Nichtberliner mussten, Wohl oder Übel, am Nachmittag den Heimweg antreten. Zum Glück erreichten wir wieder strömungsreicheres Fahrwasser und schafften es noch halbwegs rechtzeitig zur Aussatzstelle in Lübbenau.

Als Peter und ich 2 Stunden später zuhause waren, kam endlich das Rinderfilet zum Einsatz, das ich ursprünglich als Abendessen vorgesehen hatte. Es wurde nicht liebevoll zerteilt, mit Bacon und Zwiebeln und Paprika auf Spießchen gesteckt und auf Holzkohle gegrillt, sondern kommentarlos in die Pfanne gehauen und mit Ketchup als "Gemüse" serviert. Ist auch lecker.

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