Die Verblockung - Bericht Kanada und Lech

Veröffentlicht: 20. Februar 2011

„Claudi, Rückwääärts“. Claudia geht vom gleichmäßigen Vorwärtsschlag in einen beherzten Rückwärtsschlag über. Die scharfe Biegung mit dem Baumverhau in der Außenkurve kommt schnell näher. In rasanter Strömung steuern wir direkt darauf zu. „Schneller“. Claudia in der vorderen Position des Kanadiers erhöht die Schlagzahl. Ich knie im Heck und unterstütze Claudia mit einigen Rückwärtsschlägen, bringe aber hauptsächlich unseren Ally mit Ziehschlägen in einen schrägen Winkel zur Strömung, so dass das Heck immer mehr Richtung Innenkurve zeigt. Unsere Geschwindigkeit hat sich verringert und wir sind nun deutlich langsamer als die Strömung. Der Bug zeigt genau auf den Baumverhau, der sich bedrohlich nähert. Doch wie von Geisterhand bewegt sich unser Kanadier plötzlich rückwärts vom Hindernis weg. Der Winkel für die Rückwärtsseilfähre stimmt und nach einigen Metern Rückwärtsfahrt hat der Bug das Hindernis passiert und mit ein paar Vorwärtsschlägen ist das Boot wieder zur Strömung ausgerichtet und weiter geht die rasante Fahrt.

Seit einigen Tagen sind wir auf dem Wind River in den kanadischen Yukon Territorries unterwegs. Unser 18 Fuß langer Faltkanadier ist voll gepackt mit Nahrungsmitteln für einen ganzen Monat und allem was man in der Wildnis diesen Zeitraum so braucht. Über 200 kg wiegt das Boot jetzt ohne uns gerechnet und wir hatten Bedenken, ob sich der lange, voll bepackte Kanadier noch steuern lässt.
Der Wind River fließt bei meist starkem Gefälle sehr schnell in einem Kiesbett dahin und lässt sich streckenweise gut mit unseren heimischen Flüssen Isar und Lech vergleichen wo diese noch unverbaut sind. Mal fächert er sich in viele Arme auf und es ist nicht leicht den Hauptarm mit dem meisten Wasser zu finden. Mal schlängelt er sich in engen Kurven durch das von hohen, teils schroffen Bergen umringte Tal. Immer wieder muss mit Hindernissen durch herein hängende Bäume und Schwemmholz gerechnet werden. Eigentliches Wildwasser hat der Wind River nicht, doch der momentane hohe Wasserstand lässt die wenigen 2er Stellen eher anspruchsvoller werden. Aus Erzählungen wissen wir, dass etliche „erfahrene“ Paddler den Fluss unterschätzt haben, in Hindernisse gedrückt wurden und gekentert sind. In der Wildnis ist eine Kenterung immer eine gefährliche Situation.

Es ist bestes Wetter, eine atemberaubend schöne Landschaft zieht an uns vorbei und im glasklaren Wasser sehen wir die bunten, rund geschliffenen Steine unter uns dahin flitzen. Wir können es kaum glauben und möchten am liebsten die Zeit anhalten so herrlich ist es. „Achtung, da vorne hängt ein Baum rein, es wird ganz schön eng“ ruft Claudia laut und holt mich aus der Betrachtung der Landschaft zurück auf den Fluss. Die Spannung steigt.

Kurz schweifen die Gedanken 6 Wochen zurück an den Lech. Mit Georg Petz, Ralf Schönfeld und zwei weiteren lernwilligen „Kanadierpärchen“ treffen wir uns zu einem dreitägigen Kurs und lernen wie man einen Zweierkanadier sicher und entspannt im leichten Wildwasser beherrscht. Unsere beiden Lehrmeister sind gerade nach ausgiebiger, gemeinsamer Besichtigung die „Verblockung“, eine Schlüsselstelle im Oberlauf des Lechs, elegant und verblüffend spielerisch vorgefahren. Die perfekte Vorstellung und die ausführlichen Anweisungen der beiden alten Hasen motivieren uns es auch zu versuchen. Wir sind hoch konzentriert. Meist langsamer als die Strömung und mit Rückwärtsseilfähre steuern wir auf der Ideallinie unseren langen Ally um die aus der Strömung ragenden Felsbrocken. Jeder hat seine Aufgaben. Claudia sorgt mit Grundschlägen vorwärts und rückwärts für die richtige Geschwindigkeit, während ich hinten steuere und das Boot für die Seilfähren in den richtigen Winkel zur Strömung bringe. Es klappt wie am Schnürchen. Das war anfangs nicht so. Als Voraussetzung haben wir Kanadierneulinge in den Wochen vorher bei Georg einen jeweils zweitägigen Grund- und einen Aufbaukurs an der Enz absolviert und die grundlegenden Paddelschläge gelernt und vertieft. Das Hauptaugenmerk legte Georg jedoch mit viel Geduld auf die Zusammenarbeit als Team im Boot. Während es anfangs noch häufig Diskussionen und böse Worte im Boot gab, wie „Warum machst du den keinen Ziehschlag, so kann das ja nichts werden“ und „Lass mich doch steuern, sonst klapp dass nie“, ist spätestens seit der „Verblockung“ am Lech die Aufgabenverteilung klar und das uneingeschränkte Vertrauen in die Paddelkünste des Anderen vorhanden. Doch das Schönste ist, dass es seitdem kein ärgerliches Wort und keinen Streit mehr im Boot gegeben hat.

Mit der „Verblockung“ vor dem geistigen Auge und dem daraus entstandenen Selbstvertrauen meistern wir auch die nächste Engstelle mit dem herein hängend Baum souverän und mit Spaß, wie auch jedes weitere Hindernis und die wenigen Wildwasserstellen auf unserer Reise.

Diese führt uns immer weiter nach Norden. Nach der Mündung des Wind River in den Peel River paddeln wir diesen bis zu seiner Mündung in den riesigen Mackenzie River. Während wir auf den ersten 00 Kilometer der Reise knapp 800 Meter Höhendifferenz hinter uns lassen, sind es auf den letzten 300 Kilometern gerade mal 5 Höhenmeter. Aus dem aufregenden Dahingleiten in rasanter Strömung durch eine abwechslungsreiche und imposante Berglandschaft ist ein meditatives Paddeln in der wohltuend stillen, schier unendlichen Weite des hohen Nordens geworden. 25 mühevolle Kilometern müssen wir uns noch den Mackenzie River flussaufwärts kämpfen bevor wir ihn an einer drei Kilometer breiten Stelle queren können. Kalter Nordwind, dramatische Wolkenstimmungen und eine kräftige spätherbstliche Orangefärbung der Weidenbüsche am Ufer begleiten uns die letzten Tage auf dem East Channel. Dieser ist der östliche Arm des Mackenzie Rivers und führt uns am Rande des riesigen Mündungsdeltas entlang. Das 200 Kilometer lange und 60 Kilometer breite Mackenziedelta ist mit seinen Abertausenden kleinen Seen und den unzähligen Wasservögeln, die sich gerade vor dem nahenden Winter für den Abflug nach Süden formieren, eine einzigartige Landschaft. In Inuvik, einem kleinen Ort 100 Kilometer vom arktischen Ozean entfernt, beenden wir nach 700 Kilometer zufrieden unsere Flussreise.

von Harald Lindner

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