Lechausfahrt 2011

Veröffentlicht: 06. September 2011

Nach einem Grund- und Aufbaukurs 2er Canadier und Paddelerfahrung auf französischen Wanderflüssen wollten wir uns in diesem Jahr an leichtes Wildwasser heranwagen und haben uns so für den 2er Canadier Wildwasserkurs Ende Juni auf dem Lech angemeldet.
Nach zuvor wochenlangem Sonnenschein verschlechterte sich das Wetter aber derart, dass Georg zwei Tage vorher anrief und den Kurs wegen schnell steigendem Hochwasser absagte, da Wasserstand und Witterung vollkommen unvorhersehbar waren. Er schlug uns aber vor, trotzdem zu kommen, ein paar schöne Tage im Tenttipi zu verbringen, etwas Wildwassertheorie zu machen und je nach Wasserstand und Wetter vielleicht eine Ausfahrt zu machen. Alle angemeldeten Paddler stimmten zu und machten sich bei mehr oder weniger Dauerregen auf ins Lechtal.
Als wir nach 4 Stunden Anfahrt die deutsch-österreichische Grenze bei Füssen überquerten, konnten wir von Auto aus bald einen ersten Blick auf den Lech werfen. „Na ja, hat ganz gut Wasser und fließt etwas schneller, aber so wild sieht das jetzt nicht aus. Keine Verblockungen, keine Hindernisse, da haben wir schon schlimmeres Wildwasser gesehen“, so der erste Eindruck, der sich auch während der Fahrt lechaufwärts bis zum kleinen Ort Häselgehr nicht änderte.
Das Wetter hatte sich auch beruhigt und als wir (zu spät) am Zeltplatz Rudi ankamen, waren unsere Paddelkameraden Martin und Susanne, Herbert und Manuela, jeweils im 2er und Brigitte und Georg im Solocanadier gerade eingesetzt, wir konnten sie gerade noch 200 Meter flussabwärts sehen. Meine erste Reaktion war: „ nichts wie das Boot abladen und hinterher“. Carola bemerkte dann aber sofort, dass alle Paddler Helme trugen und wir hatten welche am Campingplatz zum Leihen bestellt, außerdem das Boot noch nicht mit Auftriebskörpern getrimmt und so siegte hier die Vernunft über das Herz – eine weise Entscheidung, wie sich später herausstellen sollte.
So wanderten wir am Lech entlang und spekulierten über dessen Paddelherausforderungen ohne zu klaren Ergebnissen zu kommen. Zurück am Zeltplatz lernten wir zunächst Sigmund kennen, den eine hartnäckige Erkältung vom Mitpaddeln abhielt, der aber trotzdem am Lagerleben Spaß hatte und unsere Gruppe als professioneller Kameramann, Rundumcaterer und Unterhalter bestens unterstützte. Als die Boote und ihre Besitzer nach zwei Stunden zurückkamen und sich alle vorgestellt hatten, zwang uns der gleichmäßige Regen aus dem einheitlichen Himmelsgrau dazu, den Rest des Tages in Georgs Tenttipi zu verbringen. Gut versorgt mit Wärme vom Ofen und verschiedenen Mahlzeiten und Getränken von allen, ist das eine sehr angenehme Art, das Beste aus einem Regentag zu machen. Gespannt lauschten wir den Berichten der Kanuten, die unsere Mischung aus Ungewissheit, Respekt und „das wird schon werden“ verstärkten. Eines war klar: wir waren hier die Greenhorns in Sachen Wildwasser.
Am nächsten Morgen – der Regen hatte tatsächlich aufgehört und Georg bzw. die Mannschaft den Bach als fahrbar empfunden – machten wir uns für eine Ausfahrt fertig.
Zunächst liehen wir uns Helme und Neoprenanzüge, dann verzurrte Georg alte Luftmatrazen, Maischefässer und Packsäcke im Mittelteil unseres Bootes als Auftriebskörper und wir waren bereit. Statt aber gleich loszufahren hieß es erst mal: „Boot mit Wasser füllen, damit ihr wisst wie sich das anfühlt.“ „Wasser wieder ausleeren.“ „Jetzt Seilfähre vorwärts über den Bach, spätestens da unten müsst ihr drüben sein.“ „Ja, weiter, Boot auf der anderen Seite entlang ziehen, einsteigen, runterfahren, hier ins Kehrwasser einfahren.“ Nun wussten wir, dass die Strömung doch ganz ordentlich Zug hatte und wie sich das „live“ anfühlt. Anscheinend war Georg dann doch zufrieden mit uns, und wir hatten uns für die Weiterfahrt qualifiziert.
Der Fluss war recht breit, und immer wieder konnten wir Kiesbänke und Kehrwasser zum Sammeln und zur weiteren Routenbesprechung ansteuern. Beim Rausfahren aus einem dieser Kehrwasser passierte es dann auch bald: zu wenig flussabwärts gekanntet und schwupp hatten wir unser erstes Wildwasserbad, bei dem wir auch die Vorzüge des Neoprenanzuges genießen konnten. Und wir lernten daraus: kannten statt kentern!
Weiter ging’s lechabwärts, Martin und Susanne, Herbert und Manuela hatten als gut eingespielte, wildwassererprobte Paddler ihren Spaß in Kehrwasser und Schwällen und wir schafften es tatsächlich mit Glück und (auch) Können kenterfrei zum Aussatzstelle ca. 15km flussabwärts in Stanz zu gelangen. Dabei waren unterwegs noch zwei schwierige Stellen zu bewältigen, die wir zusammen erst mal vom Ufer aus beurteilten, um eine passable Route zu finden. Solche Einschätzungen von Situationen und Beurteilungen von Strömungsverhältnissen (u.a. Stöckchen werfen und sehen, wohin es getrieben wird; wie soll die Stelle angefahren werden; wo darf man auf keinen Fall hingelangen) empfanden wir als sehr lehrreich, um schwierige Stellen in Zukunft besser zu bewerten. Zwischendurch gab es aber auch immer wieder Abschnitte, bei denen wir das imposante Panorama der über 2500 Meter hohen Berge genießen konnten.
Obwohl wir die Strecke ohne größere Probleme schafften, war ich erstaunt, wie sich etwa eine Stunde nach der Tour eine gewaltige Müdigkeit einstellte, als wären wir nicht den Fluss runtergefahren sondern die Berge hochgerannt. Zurück am Zeltplatz hatte Sigmund, bereits Kaffee gekocht und somit den gemütlichen Teil im Zelt eingeläutet, der sich mit Bratkartoffeln, Würstchen, Salat, Georgs berühmten Pfannkuchen, Schokolade, Kenterbier, Wein, Verdauungsschnäpsen und geselliger Unterhaltung bis in die Nacht hineinzog.
Am nächsten Morgen ließ sich dann auch die Sonne immer wieder blicken und erleuchtete die Bergkulisse. Nun sollte der nächste Schwierigkeitsgrad folgen, eine Fahrt von Stockach, ca. 15km flussaufwärts bis hinunter zum Campingplatz in Häselgehr. Der Fluss war auf diesem Abschnitt weniger breit, die Strömung noch etwas stärker und es gab weniger Kiesbänke zum Anhalten. Das erforderte einen ständigen Wechsel von Tempo rausnehmen, richtiges Stellen und wieder Gas geben, um nicht gegen das felsige Ufer gedrückt zu werden, Einfahren ins Kehrwasser und erneute Beurteilung der Situation. Nachdem es anfangs noch gut klappte, hatten wir aber bald mit der Beurteilung der Situation und dem richtigen Stellen Probleme – und da der Fluss „gnadenlos“ ist, knallten wir gegen das Ufer, standen plötzlich quer zur Strömung und nächste kleine Absatz brachte uns wieder eine unfreiwillige Abkühlung. Das passiert eben auch mal, aber trotzdem ließen wir uns nicht entmutigen.
Nachdem alles wieder sortiert war, kam die Idee auf, mal die Besatzung der Boote zu ändern – da Brigitte und Manuela ihren Relaxtag hatten, waren wir heute nur mit 2ern unterwegs. Georg übernahm den Heckpaddler bei uns, und ich wechselte als Vordermann zu Herberts Boot. Nun konnte ich die Fahrt mal aus einer ganz neuen Perspektive erleben und habe auch eine gute Vorstellung davon bekommen, wie sich der Bach „von vorne“ anfühlt. Außerdem mussten wir uns natürlich neu aufeinander einstellen, was ebenfalls ein spannender Lernprozess war.
Nach einigen Kilometern lud ein schöner Rastplatz mit Holztischen und Bänken am Ufer zu einer Vesperpause ein. Gut gestärkt ging es danach in flotter Fahrt den Bach hinab und bald verbesserte sich auch die Abstimmung zwischen Bug- bzw. Heckpaddler/in. Potentiell schwierige Stellen wurden dank der erfahrenen Mitpaddler gut gemeistert, so dass wir am frühen Nachmittag sicher und trocken am Zeltplatz anlandeten.
Dort sahen Manuela, Brigitte und Sigmund nicht nur gut erholt aus, sie hatten auch Kaffee und Kuchen vorbereitet, so dass wir dann in gemütlicher Runde unsere Wildwassererlebnisse der letzten Tage Revue passieren lassen konnten und weiter über die unendliche Geschichte des Kanufahrens philosophierten, der wir sicherlich bald weitere Kapitel hinzufügen werden.
Jörg Walter

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